Airline-Verband warnt vor langen Wartezeiten an Flughäfen

Duesseldorf, Nordrhein-Westfalen, Deutschland - Flughafen Duesseldorf, Ferienstart in NRW, Urlauber stehen mit Koffern in einer Menschenschlange am Check-in Schalter in Zeiten der Coronapandemie auf dem Weg in den Sommerurlaub. Düsseldorf Nordrhein-Westfalen Deutschland *** Duesseldorf, North Rhine Westphalia, Germany Duesseldorf airport, start of holidays in NRW, holidaymakers stand with suitcases in a queue at the check in counter in times of the corona pandemic on the way to their summer holidays Duesseldorf North Rhine Westphalia Germany

Koffer, Handgepäck, Handy – alles dabei? Und wie ist es mit den nötigen Dokumenten für eine Flugreise? Der bürokratische Aufwand für Grenzüberschreitungen und Flüge hat sich seit der Coronakrise massiv erhöht. Der einfache Check-in per Smartphone ist oft nicht möglich, auch weil ein Corona-Impfpass oder -Testzertifikat überprüft werden muss.

Die Luftfahrtbranche warnt bereits vor einem Chaos an Flughäfen, wenn der Verkehr ohne digitale Verfahren für Coronatests und andere Dokumente wieder in Gang kommt. Vor der Pandemie hätten Reisende vor Abflug und nach der Ankunft im Schnitt eineinhalb Stunden in den Flughäfen verbracht, sagte der Vizechef des Welt-Airline-Verbands IATA, Conrad Clifford, bei der Jahrestagung in Boston. Im ersten Halbjahr dieses Jahres habe es in Spitzenzeiten aber bereits bis zu drei Stunden gedauert. »Und das Reiseaufkommen war gerade einmal bei 30 Prozent der Dimensionen vor der Coronakrise.«

Entsprechend könnten sich die Wartezeiten weiter verlängern, wenn immer mehr Menschen zum Flughafen kämen. »Unsere Modelle sagen vorher, dass man ohne Verbesserungen bei den Prozessen fünfeinhalb Stunden pro Reise an Flughäfen verbringen könnte« – bei 75 Prozent des Reisevolumens vor der Pandemie. Wenn so viele Passagiere wie früher flögen, seien bis zu acht Stunden möglich. Neben dem zusätzlichen Aufwand für die Kontrolle von Coronatests seien längere Schlangen bei Passkontrollen bei der Ankunft das Problem.

Die Lösung sieht die IATA in einem bei ihr entwickelten digitalen »Travel Pass«. Die Grundidee ist, dass Passagiere Formalitäten und Kontrollen online per App erledigen können – bevor sie zum Flughafen fahren. Bisher haben 76 Gesellschaften das Verfahren auf 286 Strecken getestet. Für die Einführung müsse sich aber jedes Unternehmen einzeln entscheiden, hieß es. Dem IATA Travel Pass haben sich Fluggesellschaften wie Emirates, Qantas, Japan Airlines, British Airways und Virgin Atlantic angeschlossen. Emirates teilte Ende September mit, dass die Airline als erste die App in ihrem gesamten globalen Streckennetz einführt.

Die Anwendung soll Informationen über Einreise-, Test- und Impfstoffanforderungen der Reiseländer beinhalten sowie eine Testzentren-Übersicht an den Abreiseorten und die Möglichkeit, Reisedokumente wie Testergebnisse und Impfbescheinigungen digital zu verwalten, also auch an Behörden und Fluggesellschaften weiterzuleiten.

Bisher allerdings, so gibt Emirates an, könnten Fluggäste nur Impfzertifikate der EU und Großbritanniens in die IATA-App hochladen: »Es wird derzeit daran gearbeitet, eine breitere Palette verifizierter digitaler Reisedokumente mit der App zu verknüpfen bzw. in die App hochladen zu können«, heißt es bei der Airline. Außerdem könnten Passagiere diese Informationen nicht vor der Ankunft am Flughafen automatisiert in die Check-in-Systeme der Fluggesellschaft einspielen.

Lufthansa führt eigenes System für Flüge innerhalb der EU ein
Die Lufthansa ist da schon weiter und setzt seit Anfang September auf ein eigenes System – zumindest innerhalb der EU, in der weitgehend Einigkeit bei den Einreisebedingungen besteht: »Auf allen rund wöchentlichen 2000 Flügen aus Nichtrisikogebieten des Schengenraums – also derzeit beispielsweise aus Spanien, Italien oder Schweden – nach Deutschland können Reisende ihre Bordkarte beim Einchecken auf dem Smartphone wieder direkt ausstellen lassen«, sagte Lufthansa-Sprecher Jörg Waber dem SPIEGEL. Dafür müssen zuvor die QR-Codes von EU-Impfzertifikaten oder Covid-19-Testergebnissen des Labors Centogene eingescannt werden, »ein zusätzlicher Dokumentencheck beim Check-in-Schalter am Flughafen ist nicht mehr erforderlich«.

Für Flüge außerhalb der EU könnten die Lufthansa-Kunden bis drei Tage vor Abflug beim Service Center prüfen lassen, ob ihre Unterlagen vollständig und richtig sind. »Es sind jedoch einheitliche Regeln anstatt des Flickenteppichs nötig, die über Europa hinaus greifen, beispielsweise für China und die USA. Der nächste Schritt müssen global anerkannte, einheitliche Standards sein«, sagt Waber und stimmt damit dem Appell des IATA-Vizechefs Clifford zu. Bisher nutzen Länder weltweit eigene und unterschiedliche Registrierungssysteme.

Verbraucherschützer halten IATA-App für überflüssig
Verbraucherschützer sehen den Nutzen des IATA-Gesundheitspasses zurzeit noch kritisch. Für Reisende, die innerhalb der Europäischen Union bleiben, hält Felix Methmann vom Verbraucherzentrale Bundesverband den Travel Pass für unnötig – immerhin gebe es dafür die CovPass-App, mit der sich innerhalb Europas »wunderbar« reisen lasse.

Obwohl die Entwickler der App angeben, keine Daten zentral zu speichern, rät Methmann zu Vorsicht. Er hält es zudem für eine schier unmögliche Aufgabe, die sich ständig ändernden Einreisebestimmungen der verschiedenen Länder in der App aktuell zu halten. Wenn die App aber wirklich all das leiste, was sie verspricht, kann er sich vorstellen, dass die App zumindest für weltweite Reisen einen Mehrwert bringt. Dann müsse der Nutzer aber transparent aufgeklärt werden, wie die App funktioniert und wie die Daten verwendet werden, bevor er einwilligt.

Bei den Nutzern ist die Beliebtheit der IATA-App bisher überschaubar. Gut 400 Android-Nutzer bewerten die App im Google Play Store mit durchschnittlich 1,7 von 5 Sternen. In Apples App Store erhält die Anwendung bei etwa 110 Bewertungen ebenfalls lediglich 1,7 von 5 Sternen.

Die Notwendigkeit weltweit einheitlicher Systeme wird angesichts stark steigender Passagierzahlen immer dringlicher: Die Branche rechnet damit, dass 5,6 Milliarden Flugreisende 2030 und über 10 Milliarden 2050 unterwegs sein werden – 2021 sollen es nur gut zwei Milliarden Passagiere sein.